Baustelle 4.0 in der Praxis

"Ein BIM-Modell muss auf die Baustelle"

Stuttgart. – Digital Planen und Bauen heißt modellorientiert arbeiten. BIM-Modelle gehören bei größeren und genauso bei mittleren und kleinen Bauaufgaben heute immer öfter zum Standard.

Ein detailliertes Modell, das permanent aufzeigt, ob ein Bauherr oder Bauunternehmer bei seinem Vorhaben im Plan liegt und gleichzeitig vorgegebene Budgetgrenzen einhalten kann, nutzt wenig, wenn es lediglich im Büro des Generalplaners betrachtet werden kann. Auf einer Baustelle gibt es laufend neue Informationen, Änderungen und Anpassungen. Damit ein BIM-Modell einen echten Beitrag zum wirtschaftlichen Bauen in der Praxis leisten kann, muss es auf die Baustelle. Denn dort spielt sich vieles ab, was sich tagtäglich auf Zeit- und Kostenplan auswirkt. Läuft etwas nicht nach Plan, kann ich dort häufig am effektivsten Entscheidungen treffen und nicht aus der Ferne im Büro.

Damit das funktioniert, ist es entscheidend, dass sämtliche Ereignisse, die sich auf der Baustelle abspielen, am Modell auch immer zu erkennen sind. Werden beispielsweise von einem Mitarbeiter per Smartphone Mängel am Bau fotografiert, so sollten diese für alle Verantwortlichen klar im Plan beziehungsweise im Modell ersichtlich sein. Sieht der Bauleiter den Fehler auf seinem mobilen Endgerät, braucht er gleichzeitig die Info, welcher Partner diesen verantwortet und er muss wissen, welche Art von Fehler vorliegt und wie dieser zu beheben ist. Ganz wichtig ist auch die Aufgabenverteilung: Wer muss was tun, um einen Mangel zu beseitigen? Optimalerweise stehen ihm dabei die Kontaktdaten der Partnerunternehmen, am besten mit allen Verantwortlichen, zur Verfügung. Nur so kann er schnellstmöglich Kontakt aufnehmen und die Behebung umgehend in die Wege leiten.

Eine solche, vollkommen durchgängige Vernetzung und Datenverfügbarkeit kann nur mittels Cloud-Technologie und Unterstützung durch künstliche Intelligenz bereitgestellt werden. Die Menge an Informationen ist allein schon bei der Arbeit mit dreidimensionalen BIM-Modellen so riesig, dass lokale Speicherkapazitäten an ihre Grenzen stoßen. Um die Sicherheit der Projektinformationen stets gewährleisten zu können, empfiehlt sich ein Anbieter mit Rechenzentren auf dem aktuellen Stand der Technik sowie Hochverfügbarkeits-Services, um Datenverluste auszuschließen. Wie aktuelle Studien zeigen, hinkt die Netzabdeckung innerhalb von Deutschland derzeit immer noch stark hinterher. Was bringt die innovativste Cloud-Technologie, wenn auf der Baustelle trotzdem keine zuverlässige Internetverbindung hergestellt werden kann?

Aus diesem Grund braucht es auf der Baustelle ein System, das Informationen offline immer zuverlässig speichert und sämtliche Daten dann in die Cloud transferiert, sobald eine Verbindung steht. Nur so ist eine zeitnahe Kommunikation mit allen am Projekt Beteiligten möglich. Müssen die Informationen erst manuell hochgeladen werden, kann dies schnell zu Defiziten in der Projektabstimmung führen, da der Upload aufgrund völlig anderer Prioritäten vor Ort ganz einfach vergessen wird und keiner am Ende den wirklich aktuellen Stand kennt. Mit welchen Inhalten muss ich meine Baustelle 4.0 versehen, damit eine KI stets optimal unterstützen kann und immer diejenigen Informationen findet, die für eine Aufgabe oder Lösung benötigt werden? Zunächst sollten sämtliche Informationen zum Projekt, ob aus dem eigenen Haus oder von Fremdfirmen, die an der Bauaufgabe beteiligt sind, den Verantwortlichen vor Ort zur Verfügung stehen. Sinnvollerweise sind diese in einem Dokumentenmanagement-System verankert, auf das die KI zugreifen und bei Bedarf nach Informationen suchen kann. Genauso sollten Disponenten, die Kolonnen täglich neu planen, stets mit allen Informationen zum Baustellengeschehen versorgt sein.

Sowohl um die tägliche Einsatzplanung zu erstellen als auch um entsprechende Anpassungen im Plan vorzunehmen, wann immer erforderlich. Fällt beispielsweise ein mit einem modernen GNSS-System ausgestatteter Bagger an einem Bauabschnitt einer Straßenbaustelle aus, so muss der Disponent nicht nur für Ersatz bei der Maschine sorgen, sondern benötigt gleichzeitig Personal, das für die Technik der Maschine die entsprechende Sachkenntnis mitbringt und außerdem eine Fahrerlaubnis für diese Baumaschine hat. Sinnvollerweise zeigt die IT-Lösung korrekt an, welche Mitarbeiter bereits an anderen Stellen verplant sind, beziehungsweise aufgrund von Urlaub oder krankheitsbedingt nicht zur Verfügung stehen. Eine passende Maschine findet sich beispielsweise über die Analyse der Auslastung gleichwertiger Gerätschaften an anderen Bauabschnitten.

Sind an einer anderen Stelle etwa vier Bagger im Einsatz, jedoch alle nur zu 50 % ausgelastet, ließe sich überlegen, von dieser Stelle einen Bagger als Ersatz abzuziehen. Eine Betrachtung, die selbstverständlich auch unabhängig vom konkreten Fall vorgenommen werden sollte, um sicherzustellen, dass die Baustelle durchgängig wirtschaftlich arbeitet. Eine KI kann hier mit intelligenten Algorithmen wertvolle Unterstützung bieten. Und: Mit jeder neuen Baustelle sammelt sie wichtige Erfahrungen, mit denen sie einen entscheidenden Beitrag zum wirtschaftlichen Bauen leisten kann. Entscheidend für eine hohe Wertschöpfung ist die exakte Erfassung von Personal- und Gerätestunden und Zuweisung zu den einzelnen Projekten. Somit lassen sich Kosten bei allen nachfolgenden Maßnahmen wesentlich genauer kalkulieren. Auch die Einbindung von Wartungsdaten ist sinnvoll und sorgt für Mehrwerte. Benötigt eine Baumaschine etwa einen Ölwechsel, sollte das System überschauen können, welche weiteren Maschinen in nächster Zeit eine Servicemaßnahme benötigen, um solche Aktivitäten zu bündeln.

Doch zunächst beginnt die digitale Baustelle bei der Belegschaft eines Unternehmens. Damit Mitarbeiter völlig frei von Angst die automatische Zeiterfassung für ihre Maschine per Handy-App aktivieren, ist es erforderlich, ihnen ihre persönlichen Mehrwerte durch die Digitalisierung aufzuzeigen. Da die Zeiterfassung jetzt ganz leicht via Smartphone zu bewältigen ist, spart das dem Polier Zeit, denn er braucht nach der Arbeit seine Stunden und die seines Teams nicht mehr händisch im Baucontainer zu erfassen. Gleichzeitig sind keine Stundenzettel mehr ins Büro zu transportieren oder von dort abzuholen und manuell von Mitarbeitern der Buchhaltung in die Personalsoftware zu übertragen. Neben diesen persönlichen Vorteilen ist es für die Mitarbeiter aber auch wichtig, zu wissen, inwiefern das Unternehmen von der digitalen Baustelle profitiert und somit auch der Arbeitsplatz des Einzelnen gesichert wird.

Grundsätzlich sollten Unternehmen dabei auf Softwareprogramme und Apps setzen, die sich – angepasst an die jeweiligen Anforderungen – intelligent konfigurieren lassen. So sollten Bauleiter und Projektleiter stets das gesamte Geschehen im Blick haben, um im Falle des Falles schnell und richtig agieren und reagieren zu können. Für Poliere hingegen ist es ausreichend, dass sie via Smartphone-App Personal- und Geräteinformationen erfassen können. Von Vorteil sind selbstverständlich Applikationen, die ohne großen Schulungsaufwand und auch mit eher wenig Smartphone-Affinität, vom Anwender bedient werden können. Jeder Mitarbeiter sollte dabei das Gefühl haben, dass die Technologie ihm einen konkreten Vorteil bringt. Denn nur dann profitieren am Ende alle im Unternehmen von den Möglichkeiten der Digitalisierung am Bau.

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Der Autor ist Product Manager Civil Solutions der RIB Deutschland GmbH.

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