Digitalisierung

Wegducken ist keine Strategie

Hamm (ABZ). – Es ist bemerkenswert: Kaum ein Treffen unserer Branche vergeht, ohne dass die Digitalisierung thematisiert wird.

Florian Wiefel (Vorstandsmitglied des Fachverbandes Betonbohren und -sägen Deutschland e. V.) FOTO: FACHVERBAND

Ob es dabei um die neue Wissensplattform WILMA geht, um digitale Büroprozesse oder – wie zuletzt in den Regionaltreffen – um den praktischen Einsatz von KI: Überall steht die Frage im Raum, wie sich die Branche für die Zukunft aufstellen kann.

Gleichzeitig entsteht bei mir der Eindruck, den viele möglicherweise teilen, aber nur selten offen aussprechen: Für einen beträchtlichen Teil der Betriebe entwickelt sich die digitale Transformation schneller, als sie verarbeitet werden kann. Die Reaktion darauf ist allzu menschlich – doch sie birgt Risiken.

Digitalisierung wird mancherorts als vorübergehender Trend abgetan, den man aussitzen könne. Veränderungen werden vertagt. Bewährte Abläufe bleiben unangetastet. Nur: Digitalisierung wartet nicht. Sie schreitet Tag für Tag voran – nicht in weit entfernten Innovationszentren, sondern unmittelbar in Bauhöfen, Büros und auf Baustellen.

Wer den Blick auf das Tagesgeschäft in der Baubranche richtet, erkennt schnell, wie viel Potenzial sich bereits heute eröffnet. KI-Unterstützung im Büro kann Schreib-, Dokumentations- und Formulararbeit erheblich reduzieren. Assistenzsysteme liefern auf der Baustelle wichtige Hinweise, wenn Informationen fehlen oder unvorhergesehene Situationen auftreten. Digitale Planung sorgt für effizientere Einsatzkoordination, eine bessere Auslastung von Maschinen und eine geringere Fehleranfälligkeit. 

Diese Entwicklungen sind keine Zukunftsvisionen, sondern konkrete Entlastung für Betriebe jeder Größe. Gerade kleine Unternehmen, die unter wachsendem Dokumentationsdruck und administrativen Belastungen leiden, könnten spürbar profitieren. Am Ende eint viele der gleiche Wunsch: mehr Zeit für das handwerkliche Kerngeschäft, weniger Aufwand im Hintergrund.

Dennoch zeigt sich eine Diskrepanz zwischen dem, was sich viele Unternehmer erhoffen, und dem, was in der Praxis umgesetzt wird. Digitalisierung wird häufig als zu schnell, zu komplex oder zu fremd wahrgenommen – ein technisches Schreckgespenst, dem man sich lieber entzieht. 

Doch Wegducken ist keine tragfähige Strategie. Wer den Wandel heute ignoriert, wird morgen erheblich größere Schwierigkeiten haben, den Anschluss zu halten. Eine Branche wie die unsere, die in ihren Projekten Präzision und Zuverlässigkeit einfordert, kann sich Stillstand im eigenen Entwicklungsprozess kaum leisten.

In diesem Sinne agiert auch der Fachverband. Er sieht seine Aufgabe nicht darin, Druck aufzubauen, sondern Orientierung zu geben. Dazu gehört, Informationen zugänglich zu machen, Bedenken abzubauen und Wege aufzuzeigen, die Schritt für Schritt in die digitale Arbeitsweise führen.

Mit der Wissensplattform WILMA, praxisnahen Weiterbildungsangeboten, Informationsveranstaltungen und offenen Diskussionen zu KI und anderen Zukunftsthemen werden Grundlagen geschaffen, die den Einstieg erleichtern und unsere Mitglieder in die Lage versetzen, selbst zu handeln. Digitalisierung gelingt selten durch einen großen Sprung, sondern durch konsequentes Vorangehen in kleinen, realistischen Etappen – vorausgesetzt, der erste Schritt wird tatsächlich gemacht.

Die Betonbohr- und -sägebranche steht für Präzision, Qualität und lösungsorientiertes Arbeiten. Genau diese Stärken sind jetzt gefragt – nicht im Umgang mit Beton, sondern in der Gestaltung der eigenen Zukunft. Wer Digitalisierung als Bedrohung betrachtet, wird langfristig von ihr überholt. Wer sie hingegen als neues Werkzeug versteht, kann sich Freiräume schaffen, seine Effizienz steigern und die Wirtschaftlichkeit seines Unternehmens verbessern. Die Chancen stehen allen geleichermaßen offen. Es liegt allein an uns, sie zu nutzen.