MTS installiert Leistungsschau zu BIM und Automatisierung

So geht Digitalisierung im Tiefbau

An den Stationen des Leistungsschau-Parcours konnten sich die Teilnehmer ein Bild davon machen, wie die BIM-Methode im Tiefbau umgesetzt werden kann.

Hayingen (ABZ). – Auch in der Corona-Krise bleibt die Digitalisierung eine der zentralen Herausforderungen für eine zukunftsfähige Baubranche. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten ist sie jedoch für viele Beteiligte nach wie vor ein undurchsichtiges Dickicht. Der Automatisierungsspezialist MTS möchte das ändern. Am Firmensitz in Hayingen hat das Unternehmen dafür nun eine Leistungsschau installiert, die übersichtlich und praxisnah die möglichen Herangehensweisen und den Nutzen von Digitalisierung im Tiefbau aufzeigen soll.

"Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll." Mit diesem Zitat des Aphoristikers Georg Christoph Lichtenberg leitete der MTS-Vorstandsvorsitzender Rainer Schrode die Begrüßung zu Deutschlands erster Leistungsschau für BIM im kommunalen Verkehrswege- und Tiefbau (K-VTB) ein. Zentraler Leitgedanke war es, das "Big Picture" der BIM-Idee auf seine wichtigsten Puzzlesteine herunterzubrechen, erklärt das Unternehmen. Allen am Bauprozess Beteiligten sollte verständlich und praxisnah gezeigt werden, welche Möglichkeit der Umsetzung es im Hinblick auf die Besonderheiten des K-VTB heute bereits gibt. 300 Fach- und Führungskräfte waren geladen. In moderierte Kleingruppen rotierten sie im 20-Minuten-Takt über den Leistungsschau-Parcours. An 13 Stationen hatten sie die Möglichkeit, sich ihr eigenes Bild zu machen.

Wie jede Veränderung erfordere auch die Digitalisierung ein Umdenken, das auf Ängste, Vorbehalte und Widerstände stoße, so Schrode. Diese ließen sich nur auflösen, indem man jeden dort "abholen" würde. "Digitalisierung fängt immer im Kopf an, und der wichtigste Schlüssel für ihre erfolgreiche Umsetzung ist die persönliche Begeisterung aller am Bauprozess Beteiligten." Es sei entscheidend, dass jeder aus dem "Big Picture" ein eigenes Bild mache.

Unter welchen Voraussetzungen kleinere Bauunternehmen, Ingenieurbüros und Kommunen modellbasiert bauen können, hatte Schrode bereits im vergangenen Jahr mit Deutschlands erster Modellbaustelle für BIM im K-VTB im Schwäbischen Erbstetten gezeigt.

Ausgangspunkt für die Idee der diesjährigen Leistungsschau war den Unternehmensangaben zufolge dagegen der Wunsch, aktuelle Weiterentwicklungen aufzuzeigen, die bestehenden Möglichkeiten noch greifbarer zu machen und sie konkret und praxistauglich auf das Parcours-Beispiel Straßenbau "herunterzubrechen".

Buchautor Marcus Becker betreute die Eingangsstation. Er moderierte eine Podiumsdiskussion, an der Vertreter aller Prozessbeteiligten teilnahmen. Zu Gast waren der Hayinger Bürgermeister Kevin Dorner, der MTS-Software-Entwickler Dr. Alexander Beetz, Marco Herberger vom Ingenieurbüro Eisele sowie CAD-Spezialist Andreas Ragg, die gemeinsam die zweite Modellbaustelle für kommunalen Verkehrswege- und Tiefbau ins Leben riefen und betreuen.

Weiterhin stellte der Parcour die Planung und die Auftraggeber-Informations-Anforderungen (AIA) dar, im Rahmen derer Auftraggeber, Bauunternehmer und Planer gemeinsam definieren, was sie konkret benötigen, um ein Bauwerk zu planen, zu bauen und zu unterhalten und in welcher Tiefe die Informationen für die jeweiligen Anwendungsfälle abgebildet werden müssen - ähnlich wie bei einem gemeinsam erstellten Lastenheft.

Rund 300 geladene Fach- und Führungskräfte rotierten über Themenstationen eines BIM-Parcours auf 10 000 Quadratmetern Fläche am Firmensitz des Automatisierungsspezialisten MTS in Hayingen.Fotos: MTS Schrode AG

Eine weitere Station des Parcours thematisierte den gemeinsamen Projektraum und den Bauabwicklungsplan (BAP). Dieser legt fest, wie genau, was genau und wann genau auf welcher Grundlage umgesetzt und dokumentiert wird. "Denn beim modelbasierten Bauen gilt es, eine im Laufe des Projektgeschehens immer größer werde Menge an Informationen zu sammeln, zu verwalten und allen Prozessbeteiligten in zielführender Weise zugänglich zu machen", erläutert Schrode. Dabei sei jeder Prozessbeteiligte gleichzeitig Nutzer und Autor dieses Modells. Beispielsweise handelt der Geräteführer beim Aufnehmen von Homogenbereichen oder Infrastrukturleitungen mit seinem Löffel als "BIM-Autor". Beim profilgerechten Einbau entlang der Oberflächenkonturen des virtuellen Bauwerkmodells wird er dann wieder zum "BIM-Nutzer". Ebenso wie der Planer, der am Ende der Prozesskette das fertige Bauwerk nicht mehr komplett neu aufmessen muss, sondern das Ausführungsmodell als Grundlage für seine Abrechnung nutzen kann und – wenn überhaupt – nur noch einzelne Lagen und Höhen prüfen muss.

Diese Rollen wechseln im Prozess ständig, erklärt Schrode. So sei der Geräteführer beispielsweise bei der Qualitätssicherung wieder "BIM-Autor", indem er über das sauber aufeinander abgestimmte Zusammenspiel aus 3D-Baggersteuerung und Anbauverdichter während des Verdichtungsprozesses den Grad der Verdichtung und die Tragfähigkeit automatisch messe und dokumentiere.

Der letzte BIM-Nutzer in diesem Zirkel ist der Auftraggeber. Er erhält nicht mehr nur wie bisher ein Stück Straße oder Infrastruktur, sondern auch ein Bauwerksmodell mit sämtlichen Informationen. Dies sei "Datengold" für die Bewirtschaftung und Unterhaltung des Bauwerks, betonte Schrode.

Wer am Ende des Leistungsschau-Parcours angekommen sei, begreife, dass BIM wenig bis gar nichts mit irgendeiner Software-Lösung zu tun habe, so das Unternehmen. In erster Linie sei BIM eine neue Form der Baukultur, bei der das Herzstück das Miteinander, die Kommunikation, der Austausch und die Transparenz zwischen allen Prozessbeteiligten sei.

Rainer Schrode schloss den Rundgang mit dem dringenden Aufruf, schon heute neue Wege zu wagen. Denn der BIM-Stufenplan rücke näher und würde jeden einholen, der sich damit nicht rechtzeitig auseinandersetze. Das gelte für alle am Bauprozess Beteiligten. Außerdem gebe es viele wirtschaftlichen Vorteile auch im Hinblick auf Terminsicherheit, Effizienz und die Attraktivität von Arbeitsplätzen.

"Im Kern geht es für jeden von uns darum, die bestehende Baukultur völlig neu zu definieren und gegenseitige Vorurteile hinter uns lassen", sagte Markus Becker in seinem Schluss-Plädoyer.

MTS weist zudem darauf auf die Möglichkeit einer Weiterbildung zum "BIM-Baustellen-Manager für kommunalen Verkehrswege- und Tiefbau" hin, die es entwickelt hat. Diese Weiterbildung sei bislang einmalig, erläutert das Unternehmen. In ihrem Grundmodul BIM Basic sei sie durch buildingSMART und VDI zertifiziert. In der darauf aufbauenden nebenberuflichen Qualifizierungsmaßnahme "BIM Professional" erhielten Teilnehmer innerhalb von zehn Monaten Wissen, um BIM-Prozesse zu verstehen und im eigenen Unternehmen erfolgreich anleiten und umsetzen zu können. Die Federführung bei der Entwicklung der Weiterbildung hatte Ausbildungsleiter Tobias Hesse.

Mit dieser Weiterbildung ebne MTS Prozessbeteiligten den Weg, den es mit der Leistungsschau für BIM im kommunalen Verkehrswege- und Tiefbau veranschaulicht habe, so das Unternehmen.

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